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Stonefields - das Summerhill der 2020er Jahre? (Teil II)



Der aufregendste Teil meines Besuch in der Stonefields-Schule war die Führung, die mir Dhevan and Shanya gegeben haben.

Besuchende gehören zum Alltag der Schule. Es können Eltern sein, aber auch Interessierte aus Neuseeland oder andern Ländern der Welt, die durch diese Schule gehen – oder soll man sagen »flanieren«. Das kommt nicht selten vor. Es gibt eine eigene Website für Schulbesuche.
In anderen Schulen würden Menschen, die durch die Klassenräume laufen und andere ansprechen, vielleicht stören. Lehrpersonen würden irritiert schauen, wenn plötzlich jemand Fremdes in ihre Klasse käme. Die Kinder wären abgelenkt, würden tuscheln, würden schwanken, wie sie sich denn jetzt verhalten sollen.

Schulbesuche ermöglichen Schüler-Lernen

In Stonefields gehören die Schulbesuche zum Alltag. Besuchenden werden die Gebäude und der Aussenraum gezeigt; der Schulgarten, die Lern-Hubs, die im Freien vor den Klassen hängenden überdachten Ruckackständer, die Turnhalle mit den Dutzenden Fahnen der Herkunftsländer der Schülerinnen und Schüler.
Das Führen von Besuchenden ist eine Arbeit, die von Schülerinnen und Schüler übernommen wird. Sie lernen dabei. Und das ist ihnen auch bewusst: Eines der beiden elfjährigen Kinder, das mich geführt hat, sagte bei der persönlichen Vorstellung: „Ich will meine Kompetenz verbessern, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, deshalb habe ich diese Führung übernommen.« – Die neuere pädagogische Forschung nennt dies auch »Lernen im Prozess der Arbeit«.

Die Lern-Hubs 

Das scheint auch in den neun Lern-Hubs stattzufinden. Was ist ein Lern-Hub? Es sind mehrere verbundene Flächen (vielleicht 250 m²), in denen sich die ca. 60-80 Schüler und Schülerinnen der jeweiligen Altersstufe oft frei bewegen . Wenn es das Wetter erlaubt – was wahrscheinlich an 70-80% der Schultage der Fall ist – können sie auch draußen vor den Türen arbeiten und lernen.
Die Hubs sind – wie Klassenzimmer in vielen neuseeländischen Primarschulen, die ich gesehen habe – mit Teppichboden ausgestattet. Oft sitzen die (auch größeren) Kinder einmal  auf dem Boden. Sie arbeiten alleine, in Paaren, oder in Kleingruppen. Sie können sich auch in die  »Zwiebel« zurückziehen, oder allein oder gemeinsam an Tische setzten.
 
Was machen die drei Lehrpersonen, die für einen Hub zuständig sind? Wenn man es von außen sieht: Sie gehen herum, schauen hier und dort. Sie sind für die Lernenden ansprechbar. Sie unterrichten auch einmal frontal. Dabei sitzen einige bis viele Lernende an einer Tischgruppe oder auf dem Boden. Das quirlige Leben der anderen Schülerinnen und Schüler in den anderen Segmenten des Hubs geht parallel weiter. Es ist für einen Aussenstehenden schwer zu erfassen, was warum und wie lange passiert. Auf jeden Fall passt es nicht in die gewohnten Muster eines "Klassenraums". Um Genaueres zu sagen müsste man mal einen Schultag lang Videoaufzeichnungen machen und auswerten. Die Schule würde sicher  mitmachen.
Es gibt auch Unterricht im "herkömmlichen" Sinne: Lehrpersonen machen einen Vortrag, zeigen den Schülern etwas, die in einem verstreuten Halbkreis um sie herum auf dem Boden sitzen. Die räumliche Distanz ist gering. Auch in dieser Schule stehen die Halbkreistische, welche enge Zusammenarbeit zwischen einer Handvoll Lernenden und der Lehrperson ermöglichen. Was für eine simple geniale Lösung!
Es gibt auch kleinere Räume, durch Glaswände und -türen von den großen Freiflächen abgetrennt. Dort finden z.B. 1:1 Gespräche zwischen Lehrperson und Schüler/Schülerin statt.
Ich war viel zu kurz da, um beurteilen zu können: Gibt es auch die klassischen »Disziplinprobleme«, gibt es Störungen? Was passiert dann? Wie wird dem vorgebeugt?

Schule als Werkstatt

Primär kommt es mir vor, als sei ein Lern-Hub ein Arbeitsplatz, ein großes Atelier, wie früher zum Beispiel eine grosse Schlosserwerkstatt. Hier arbeiten Menschen mit Werkzeugen an ihren Vorhaben.  Diese Arbeiten drehen sich bei den Kindern um Aufgaben: vom Ausmalen und Ausschneiden über das klassische Arbeitsblätter-Bearbeiten bis hin dazu, an leistungsfähigen Computern Szenarien zu entwerfen und in bewegte Bilder umzusetzen. Die Kinder lernen beim Arbeiten. Und nachher haben sie ein Produkt. 

Dass das alles nicht zufällig, und was mit den Produkten passiert, dazu mehr in einem der nächsten Posts.


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